Reportage
Wo es sich am sichersten leben lässtVon Ulrich Behmann
Die sicherste Gemeinde im Landkreis Hameln-Pyrmont ist Aerzen. Dort leben 11 436 Menschen, wurden im vergangenen Jahr 331 Straftaten registriert. Die Kriminalitätshäufigkeitskennzahl – das ist die Anzahl der Straftaten pro 100 000 Einwohner – beträgt im Flecken nur 2894,37. Statistiker sehen das so: Hätte Aerzen 100 000 Einwohner, dann wären dort 2894,37 Delikte verübt worden. Die Häufigkeitsziffer ist eine statistische Größe, die es möglich macht, Städte und Gemeinden miteinander zu vergleichen, sie drückt gleichzeitig die durch Kriminalität verursachte Gefährdung der Bürger aus. In Coppenbrügge ist die Kennzahl mit 3406,71 zwar höher als in Aerzen, allerdings wurden dort lediglich 260 Straftaten bekannt. Die Stadt Hameln ist nicht nur die größte Stadt im Landkreis (58 287 Einwohner), sie hat mit 8543,43 freilich auch die höchste Kriminalitätshäufigkeitskennzahl. Hier wurden in 2009 die meisten Straftaten (4978) verübt. Zum Vergleich: In der Stadt Celle (70 596 Einwohner) liegt die Häufigkeitsziffer bei 12 867,34. In Garbsen (62 000 Einwohner) und in Wolfenbüttel (53 797 Einwohner) liegt sie darunter. (6593,55 und 6349,80). Dennoch: Der Landkreis Hameln-Pyrmont mit seinen 156 398 Einwohnern und einer Kriminalitätshäufigkeitszahl von 6035,88, sagt Polizeidirektor Bernd Wiesendorf, gehört zu den sichersten in Niedersachsen. Statistisch gesehen ist das richtig: Verglichen mit der Metropole München, die in Sachen Kriminalität als deutsche Vorzeigestadt gilt, steht Hameln wirklich sehr gut da. In der bayerischen Landeshauptstadt kamen vor fünf Jahren 8700 Fälle auf 100 000 Einwohner. Um diese Zahlen richtig deuten zu können, muss man wissen, dass sämtliche Arten von Kriminalität gezählt werden. Das ungefährliche Massendelikt Ladendiebstahl ebenso wie Mord und Totschlag. Es gibt Kriminologen, die sagen, Kriminalität lasse sich nicht messen. Kritiker zitieren den Spruch: „Glaube keiner Statistik, die du nicht selbst gefälscht hast.“ Richtig ist: Statistiken können unterschiedlich interpretiert werden. So können die Taten eines einzelnen Serientäters die Zahlen verfälschen.
Polizeidirektor Bernd Wiesendorf hat gestern eine Aufklärungsquote verkündet, die jeden heimischen Polizisten stolz machen dürften: Der Inspektionsleiter vermeldete einen neuen Rekord. Mit 66,83 Prozent ist sie die höchste seit 1999. Zudem ist die Zahl der bekannt gewordenen Straftaten im Zuständigkeitsbereich Hameln-Pyrmont und Holzminden zurückgegangen. 13 277 Fälle wurden registriert. Das ist im Vergleich zum Vorjahr einen Rückgang um 787 Fälle. Im Landkreis Hameln-Pyrmont waren es 9440 Delikte (minus 421) und im Landkreis Holzminden 3837 Delikte (minus 366). Auch in Hameln (5173 Straftaten) gab es deutlich weniger Fälle (minus 4978).
In 2009 sind den Ermittlern 6887 Tatverdächtige (darunter 1200 Kinder und Jugendliche) ins Netz gegangen – so viele wie niemals zuvor. Was macht die Ermittler aus dem Weserbergland dermaßen erfolgreich?, fragen sich Kollegen – und gehen bei der Inspektion in die Schule. Sogar Beamte des Landeskriminalamtes haben den Fahndern schon über die Schulter geschaut. Bernd Wiesendorf glaubt das Geheimnis des Erfolges zu kennen: „Es liegt an der strategischen Ausrichtung der Polizeiinspektion in der Kriminalitätsbekämpfung, die hohe Motivation und das Engagement der Mitarbeiter sind maßgeblich für die erfolgreiche Arbeit und die guten Ergebnisse“, sagt er – und erklärt: „In der Ermittlungsarbeit haben wir insbesondere die Straßenkriminalität und die Bekämpfung der aufklärungsungünstigen Delikte wie Diebstähle und Raube im Fokus. Die Mehrfach- und Intensivtäter, vor allem im Bereich der Jugenddelinquenz, werden konsequent verfolgt. Dieser Ausrichtung folgen wir auch zukünftig, damit die Menschen sich weiterhin sicher in unserer Region fühlen können.“
In den einzelnen Deliktgruppen fällt auf, dass fast überall weniger Straftaten erfasst wurden. Anders bei den Straftaten gegen das Leben (Mord, Totschlag, fahrlässige Tötung): Hier stieg die Anzahl der bekannt gewordenen Fälle um zwei auf 19. Allerdings muss man wissen, dass unter diese Fälle auch jedes Ermittlungsersuchen einer anderen Dienststelle fällt. Wird beispielsweise ein Zeuge eines Verbrechens oder ein Verdächtiger, der eine Bluttat in Bayern verübt haben könnte, von den Hamelnern befragt, gilt der „Mordfall“ als geklärt. Alle 19 Delikte hätten aufgeklärt werden können, heißt es. Nur über sechs Taten informierte die Hamelner Polizei die Öffentlichkeit.
Das Sicherheitsgefühl der Bevölkerung wird besonders von den Gewalttaten im öffentlichen Raum beeinflusst. Auf diesen Zusammenhang hatte Niedersachsens Innenminister Uwe Schünemann kürzlich bei der Präsentation der Kriminalstatistik für das Land hingewiesen. In der heimischen Inspektion sind die Rohheitsdelikte im Jahr 2009 um zehn Taten auf nun 2114 Fälle gesunken. Diese Zahl gliedert sich auf 108 Raub-, 1480 Körperverletzungsdelikte und 526 weitere Straftaten gegen die persönliche Freiheit (zum Beispiel Nachstellung (plus 31 Fälle) oder Nötigung und Bedrohung). Allerdings gab es vier Handtaschenraube mehr als 2008.
Trotz der hohen Aufklärungsquoten bei den Rohheitsdelikten (Raub 75 Prozent und Körperverletzungen 93,92 Prozent) sorgen gerade die Rohheitsdelikte für Ängste und Verunsicherung in der Bevölkerung. Daher will die Polizei für Hameln-Pyrmont und Holzminden durch Kontrolldruck, starke Präsenz an „Szenetreffs“ und „eine niedrige Einschreitschwelle“ versuchen, diese Angst machenden Delikte weiter einzudämmen.
Speziell auf die Straßenkriminalität bezogen, ist der Rückgang um 215 Delikte (minus 8 Prozent) sogar noch deutlicher. Zudem konnte die Aufklärungsquote „Straßenkriminalität“ um plus 2,78 Prozent (auf nun 32,34 Prozent) gesteigert werden. Zur Straßenkriminalität zählen alle Rohheitsdelikte, die in der Öffentlichkeit begangen wurden, wie der Handtaschenraub oder gefährliche und schwere Körperverletzungen auf Straßen, Wegen oder Plätzen. Ursächlich für diese positive Entwicklung sei die konsequente Arbeit und Präsenz der Arbeitsgruppe „Straße“, einer Spezialeinheit, die sich aus Ermittlern des Fachkommissariates für Raub- und Diebstahl zusammensetzt, sagte der Leiter des Zentralen Kriminaldienstes, Kriminaloberrat Jens Laskawy.
Erfreulich: Es gab auch weniger einfache und schwere Diebstähle. In 2009 war bei den Diebstählen ohne erschwerende Umstände ein Rückgang um 331 Taten (minus 11,08 Prozent) und bei Diebstählen unter erschwerenden Umständen ein Rückgang um 41 Taten (minus 2,39 Prozent) zu verzeichnen. Auffallend ist dabei ein deutlicher Rückgang der Fahrraddiebstähle um rund ein Viertel (476 in 2009). Das regelmäßige Aufsuchen „alter Bekannter“ und das bei der Polizeiinspektion initiierte Präventionsprojekt „Fahrrad“ dürften nach Meinung von Laskawy dazu beigetragen haben. Zudem sei eine Änderung im Verhalten der Fahrradbesitzer zu beobachten, denn: „Fahrräder werden besser gesicher.“
Ein Anstieg in diesem Deliktsfeld ist allerdings bei den Diebstählen von Kraftwagen ( plus 7,84 Prozent) und bei den Motorrädern (plus 18 Taten) zu verzeichnen. Der Grund für den Anstieg bei den Krafträdern liegt in einer Serie, die von einer Gruppe Jugendlicher begangen wurde. Die Täter konnten ermittelt werden.
Der Ladendiebstahl ging um 11,35 Prozent zurück. Grund dafür sei ein verändertes Anzeigeverhalten des Einzelhandels, sagt die Polizei. Viele Geschäfte und Einzelhandelsketten verzichteten zunehmend auf die Erstattung von Anzeigen, da der Aufwand für sie in keinem Verhältnis zum Nutzen stehe, sagte der Kriminaloberrat.
Im Jahr 2008 gab es eine Serie von Einbrüchen in Büro- und Geschäftsräume, die zu einer Steigerung der Fallzahlen geführt hat. In 2009 sind die Fallzahlen um 13,27 Prozent gesunken und befinden sich mit 1674 Taten auf dem Niveau der Vorjahre.
Der Waren- und Warenkreditbetrug weist mit minus 28,97 Prozent den größten Straftatenrückgang aus. Man muss wissen: 2008 hatte es eine Serie mit 160 Taten (Warenkreditbetrug) und eine Ebay-Betrugsserie mit 140 Taten gegeben. Das war im vergangenen Jahr nicht so.
Einen weiteren auffällig hohen Rückgang (minus 18,6 Prozent) stellte die Analysestelle der Polizei auch bei den Sachbeschädigungen (insbesondere an Kraftfahrzeugen) fest. „Dieser Rückgang resultiert aus verschiedenen Präventionsmaßnahmen und einer konsequenten Verfolgung dieser Delikte“, sagt Kripo-Chef Laskawy.
Die Anzahl der als „tatverdächtig“ ermittelten Kinder und Jugendlichen ist im Jahr 2009 gesunken. Bei 1295 Straftaten (minus 217 im Vergleich zum Vorjahr) wurden 1200 Kinder und Jugendliche erfasst – 31 weniger als im Vorjahr. 28 dieser 1200 Minderjährigen waren für 21 Prozent der 1295 Taten verantwortlich.