Reportage

„Wir leben tatsächlich vom Kleingeld auf dem Teller“
Von Inken Philippi

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Klein Berkel. Der Handtuchbehälter im Vorraum des Damen-WC ist leer – das wird Probleme geben! Karin Dolby, Klofrau im Hamelner Multimarkt, seufzt: „Die Kunden werden sich darüber beschweren. Der Lieferant hat nicht pünktlich geliefert. Jetzt müssen wir warten“, und die WC-Benutzer müssen die Hände solange unter dem Heißluftgebläse trocknen. Dolby nimmt es gelassen. Die 54-jährige ist seit zwei Jahren die Dame vor den Toiletten im Markt. Sie wirkt müde, macht einen deutlich erschöpften Eindruck. Ein kleiner Tisch mit blauer Wachstuchdecke, zwei Stühle und natürlich der obligatorische Teller für das Trinkgeld – das ist täglich von 9 bis 19 Uhr ihr Arbeitsplatz. Ein Behälter mit Plastikblumen auf Dolbys Tischchen ist der einzige Farbtupfer im langen, gelbgrauen Kloflur, aber immerhin spendet ein Oberlicht etwas Tageslicht.

Die dunkelhaarige Frau mit den gepflegten Händen hat sich ausgerüstet mit einer Tasse Kaffee, der Tageszeitung und zwei Rollen Klopapier; der Arbeitstag kann also beginnen. Es ist 10 Uhr am Freitagvormittag, und die WC-Anlagen werden bereits gut frequentiert. „Das wird sicher noch mehr heute. Morgen ist ja Feiertag, da kaufen die Leute alle nochmal ein“, weiß Dolby zu berichten und bedankt sich freundlich für das Trinkgeld, dass eine üppige blonde Frau mittleren Alters auf ihr Tellerchen klimpern lässt. Überhaupt sei am Wochenende immer mehr los auf dem Klo. Montags und dienstags hingegen seien eher ruhige Tage. Dann ist auch mal Zeit für ein bisschen Handarbeit zwischendurch, „ich sticke nämlich gern, am liebsten Gobelins“ erzählt die Klofrau mit leisem Stolz, und wischt routiniert ein paar Münzen vom Teller in die Kitteltasche – zu üppig solls ja auch nicht aussehen auf dem weißen Porzellan.

A propos Kleingeld: Wie ist es denn nun wirklich? Bekommen Klofrauen Gehalt oder leben sie tatsächlich vom Kleingeld auf dem Teller? „Ja“, antwortet Dolby ruhig, „wir leben tatsächlich von den Münzen! Einen Teil des Geldes bekommt mein Chef, von einem weiteren Teil werden Putzmittel und Raumduft gekauft, und den Rest des Trinkgeldes teilen sich die Klofrauen“; denn Dolby hat noch eine Kollegin. Bei 30 Cent, um die der Besucher per Schildchen neben dem Tisch der Rentnerin gebeten wird, versteht sich von selbst, dass eine Menge Klobenutzer nötig ist, um den Verdienst in den erträglichen Bereich zu heben. Genaue Zahlen zu ihrem finanziellen Anteil will die Rentnerin nicht nennen, da ist sie ganz Profi – über Geld spricht man nicht.

„Aber nur des Geldes wegen mache ich das ja hier auch nicht. So komme ich mal ein bisschen raus und bin unter Menschen.“ Gleichzeitig bessere der Job die Rente etwas auf, zwei Fliegen also mit einer Klappe geschlagen.

Vor ihrer Tätigkeit als Klofrau, hatte die Rentnerin mit den müden Augen zahlreiche Gelegenheitsjobs und war zuletzt in einer Spielhalle angestellt. „Ich war dort auch schon Assistentin der Leitung, aber dann wurde es da immer schlimmer mit Drogen und so.“ Hinzu kamen private Probleme. Alles nicht so einfach in Dolbys Leben. Der Job an den Toiletten ist deswegen auch ein Lichtblick für sie. „Hier ist es ruhig, und die meisten Leute sind auch sehr freundlich.“ Geregelte Arbeitszeit, eindeutig geklärtes Betätigungsfeld – klare Strukturen eben, an denen man sich festhalten kann.

Aber jetzt mal Hand aufs Herz: wo ist es denn eigentlich sauberer, bei den Damen oder bei den Herren? Da muss die Toilettenspezialistin doch kurz lachen und erklärt: „Das können sie mir glauben, das nimmt sich überhaupt nichts. Ferkel gibt es überall!“

Dann ist auch schon wieder ihr Einsatz gefragt: „Es sind keine Handtücher mehr da“, entrüstet sich eine brü-

nette Mittdreißigerin im Vor- raum des Damen-WC. Dolby

steht auf, erklärt freundlich die Lage und verweist auf das Heißluftgerät zum Händetrocknen. „Die Dinger kann ich aber nicht ausstehen“, giftet die Brünette zurück und verlässt den Toilettenbereich; natürlich ohne Trinkgeld zu geben. Die Klofrau zuckt mit den Schultern: „Da kann man nix machen. Ich kann ja jetzt auch nichts dran ändern.“ Diskussionen mit „Zahlungsverweigerern“ nimmt sie nicht auf. „Das bringt nix.“

Manchmal, an ruhigen Tagen, bekommt sie Besuch von einer Freundin. „Die bringt dann Kaffee mit, und wir unterhalten uns ein Weilchen.“ Dafür also der Besucherstuhl. „Da setzten sich aber auch schon mal Kunden hin“, erklärt die Klofrau weiter. „Manchmal erzählen mir die Leute auch ganz private Geschichten.“ Dolby ist dann nur stille Zuhörerin. Sie ist ohnehin keine Frau der großen Worte. Die leise Art der Rentnerin ist es, die die Leute mögen, „und manchmal gibts auch Lob für die sauberen Toiletten, dass ist natürlich auch mal schön“.

Klingt ganz entspannt, wenn da nicht die unangenehmen Seiten des Jobs wären. „Manchmal kacken oder kotzen die Leute daneben. Das ist natürlich nicht so toll, aber nicht zu ändern.“ Auch Pöbeleien habe es schon gegeben, „das muss man aushalten können“. Dolby ist inzwischen kampferprobt, die Contenance verliert sie so schnell nicht. In Sachen Reinigung bietet sie ohnehin wenig Angriffsfläche, sie hält die Klos in Schuss, da will sie sichnichts nachsagen lassen.

Und dann: kurze Pause, es

muss geputzt werden. Routiniert schwingt die Toilettenfrau Putzlappen und Klobürste, zwischendurch ein freundliches Wort für die Kunden. Klobrille wischen, neues Toilettenpapier holen, laufenden Wasserhahn zudrehen und wieder zurück ans Tischchen. Heute gab es Gott sei Dank noch keine Rohrverstopfung. Kleinere Schäden behebt sie selbst, größere Probleme löst der Hausmeister. Dolby lässt sich auf ihren Stuhl fallen. Eine Frau legt einen Euro auf den Teller. Die Klofrau bedankt sich artig und lässt die Münze im Kittel verschwinden. „Die ganz normalen Leute sind immer am großzügigsten, die würden nie rausgehen, ohne zu zahlen.“ Schwieriger seien da schon die, „die nach richtig was aussehen. Die zahlen oft nicht oder lassen sich ganz genau rausgeben“. Besonders spendabel seien die Kunden in der Vorweihnachtszeit, da schlägt das Mitleid zu, und der Klobenutzer gibt gerne.

„Kann ich meine Einkäufe kurz bei ihnen stehen lassen?“ fragt eine ältere Dame unsicher. „Na klar, ich passe drauf auf“, erwidert Dolby freundlich und schiebt die Tüten hinter ihren Stuhl. Service ist

hier Ehrensache: Die Klofrau hütet schon mal Einkaufs- oder Kinderwagen, wenn das Bedürfnis des Besitzers zu dringend wird. „Der Handtuchspender ist alle“, informiert unterdessen eine blonde junge Frau. „Ja, dankeschön“, antwortet Dolby höflich. Die Blonde legt ein 50-Cent-Stück auf den Teller, lächelt freundlich und geht zurück in den Markt. Na bitte, die Vorweihnachtszeit naht...

Artikel vom 30.10.2009 - 19.00 Uhr
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