Reportage

Ufo-Alarm im Baltikum – mit der Luftpolizei auf Streife
Von Ulrich Behmann

Im Cockpit: Eurofighter-Pilot und Luftpolizist Sören Richter.

Šiauliai (Litauen). Ein Tief liegt über dem Baltikum. Eisiger Ostwind weht über der litauischen Luftwaffen-Basis am Rande der 126 000-Einwohner-Stadt Šiauliai. Minus vier Grad Celsius, starke Bewölkung, leichter Schneeregen. Ein grauer Novembertag. In vier provisorischen Flugzeugunterständen (Sheltern) aus schwarzem Gummi stehen die modernsten Jagdflugzeuge der deutschen Luftwaffe – die Eurofighter sind bereit für einen scharfen Einsatz. Das Jagdgeschwader 74 aus dem 1149 Kilometer entfernten bayerischen Neuburg an der Donau hat die Kampfflugzeuge in den südlichsten der drei baltischen Staaten verlegt, um an der Nato-Mission „Air Policing Baltikum“ teilzunehmen. Es ist der erste Auslandseinsatz der deutschen Luftwaffe mit dem Hightech-Flugzeug „Eurofighter“.

Am östlichen Rand der Nato sorgt die Bundeswehr zum dritten Mal seit 2005 für den Luftraumschutz und die Luftraumsicherung der drei Staaten Estland, Litauen und Lettland, weil deren Streitkräfte dazu noch nicht in der Lage sind. 14 Nato-Nationen nehmen abwechselnd an diesem Air Policing teil. Sie stellen im Nordosten Europas die „Luftpolizei“.

10.48 Uhr. Eine Sirene ertönt. Laut und penetrant. Alarm auf dem Stützpunkt Šiauliai. An die 50 Frauen und Männer in Uniform sind jetzt gefordert – allen voran die Piloten Hauptmann Sören Richter (31) und Oberstleutnant Berthold Eibisch (38), die heute die Alarmrotte, die Quick Reaction Alert (QRA) stellen. Während sie sich ihre Anti-g-Anzüge über die olivgrünen Fliegerkombis ziehen, starten Techniker die Dieselgeneratoren, die die Systeme der aufgetankten Eurofighter mit Strom versorgen, rücken deutsche und litauische Feuerwehrleute, Rettungssanitäter und Oberstabsärztin Dr. Anne Schenk (30) aus. „Safety first“.

Alles geht schnell und routiniert vonstatten. Spätestens 15 Minuten nach Alarmauslösung müssen die Jets in der Luft sein, um Eindringlinge aufzuspüren und abzufangen – so sehen es die Nato-Vorgaben vor.

Im Gummi-Shelter 3 inspiziert Hauptmann Sören Richter sein Flugzeug. Schneller Sicherheitsrundgang. Unterstützt wird der Kampfpilot von den Technikern Hauptfeldwebel René Leide (36) und Stabsunteroffizier Martin Dunke (26). Die Männer arbeiten konzentriert. Sie wissen: Wenn sie etwas übersehen, wenn sie einen Fehler machen, dann kann das Menschenleben kosten. Die eisige Kälte spüren Richter, Leide und Dunke nicht. Ihre Herzen schlagen schneller als sonst, in ihren Adern läuft nun auch viel Adrenalin.

Fünf Minuten später: Eurofighter-Pilot Richter sitzt im Cockpit, fährt die Computer hoch, checkt die Instrumente. Alles ist okay. Richter setzt die Atemmaske auf, schließt sich an die Sauerstoffversorgung an. Auf Knopfdruck senkt sich die Kuppel der Pilotenkanzel, zünden die beiden Triebwerke. Der 1. Wart René Leide trennt die externe Stromversorgung, der 2. Wart Martin Dunke zieht die Sicherungsstifte aus den beiden Luft-Luft-Raketen mit Infrarotsuchkopf vom Typ „Iris T“. Jetzt sind die Waffen scharf, kann der Einsatz beginnen. Keine sieben Minuten haben die Vorbereitungen gedauert. „Mike Alpha 01“ – so der Funkrufname von Hauptmann Richters Maschine – rollt langsam über den Taxiway zur vier Kilometer langen Startbahn 32. Vom „Wing Operations Center“ – so heißt der Geschwadergefechtsstand, der sich auf dem Flugplatz Šiauliai befindet – erhalten die Piloten erste Informationen. Was heute genau ihre Aufgabe im baltischen Luftraum sein wird, erfahren die Männer erst über den Wolken – per Funk von einem Jägerleitoffizier des litauischen Luftverteidigungsgefechtsstands in Kaunas. „Ready for take off“, meldet Pilot Richter dem Tower. Kaum hat er ausgesprochen, kommt auch schon die Startfreigabe. Richters Eurofighter geht als erster raus. Ihm folgt Oberstleutnant Eibisch mit „Mike Alpha 02“.

Noch steht die Maschine, aber schon jetzt bringt der Abgasstrahl die Luft zum Flimmern. Start in Richtung Norden. Hauptmann Richter zieht den Steuerstick mit der rechten Hand nach hinten und drückt die beiden Schubhebel mit der linken ganz nach vorn. Als Richter die Nachbrenner zündet, schießen zwei bis zu 1200 Grad heiße Feuerschweife aus den beiden Triebwerken. Höllenlärm bricht los. Es donnert und dröhnt. Vibrationen sind zu spüren. Spätestens jetzt wird klar, warum der Eurofighter den englischen Beinamen „Typhoon“ (auf Deutsch Taifun) trägt. „Mike Alpha 01“ gewinnt rasch an Geschwindigkeit, rast über Runway 32. Schon nach ein paar hundert Metern hebt der Kampfjet ab. Extremer Steigflug. Im Winkel von mehr als 70 Grad steigen 17,5 Tonnen mit Tempo 300 in den Himmel auf. Einer Rakete gleich. Die Gravitation scheint außer Kraft gesetzt. Eine Schubkraft von zweimal 90 000 Newton stemmt die Eurofighter in den wolkenverhangenen Himmel über Litauen. In einer Höhe von 3000 Metern kippt Richter seine Maschine nach vorne und fliegt eine enge Linkskurve. Bei hoher Geschwindigkeit wirken bei solch einem Manöver extreme Zentrifugalkräfte auf den Piloten. „Das können maximal neun g sein“, sagt Richter – und erklärt, was das bedeutet: „Ich bringe 76 Kilo auf die Waage. Bei neun g wiegt mein Körper 684 Kilo, also das Neunfache.“ Ein Anti-g-Anzug sorgt dafür, dass das Blut im Kopf bleibt und sich nicht in den Beinen sammeln kann. Andernfalls würde der Pilot bewusstlos. In solchen Extremsituationen wird der Luftfahrzeugführer – so die offizielle Bezeichnung – automatisch über die Sauerstoffmaske druckbeatmet.

Ein litauischer Jägerleitoffizier spricht Richter und Eibisch an, gibt Koordinaten, Höhe und Geschwindigkeit eines unidentifizierten Flugobjekts, das unerlaubt in den baltischen Luftraum eingedrungen ist, durch. Das „Ufo“ soll von den deutschen „Luftpolizisten“ identifiziert und abgefangen werden. Doch auf dem Radar ist kein Eindringling zu sehen. Es handelt sich um einen „Tango Scramble“, einen Übungsalarm. Wie schnell aus einem „Tango Scramble“ ein scharfer „Alpha Scramble“ werden kann, erfuhren die deutschen Piloten am 15. September. Sie befanden sich gerade auf einem Patrouillenflug, als der Luftverteidigungsgefechtsstand in Kaunas Alarm für die deutschen Jagdflugzeuge auslöste. Ein im Raum St. Petersburg gestartetes Flugzeug befand sich zu diesem Zeitpunkt sehr nah am baltischen Luftraum. Die Eurofighter hatten die Koordinaten nach wenigen Minuten erreicht und identifizierten das Flugzeug als eine „Berijew A-50“ (Nato-Codename „Mainstay“). Es handelt sich um eine russische Version eines Luftraumaufklärers. Die „Mainstay“ bildet das Gegenstück zur „Awacs-Boeing E-3A“ der Nato (Awacs = Airborne Early Warning and Control System). Noch während der Identifizierung der „Mainstay“ bemerkten die Piloten der deutschen „Quick Reaction Alert“-Rotte, dass von hinten zwei russische Jagdflugzeuge vom Typ „Suchoi Su-27“ (Nato-Codename „Flanker“) mit Überschallgeschwindigkeit auf sie zuschossen. Da sich diese im finnischen Luftraum befanden, wurden sie von einer Alarmrotte der finnischen Luftwaffe abgefangen und über internationale Gewässer eskortiert.

Bereits am 3. September hatten Piloten des Jagdgeschwaders 74 aus Neuburg an der Donau an der Ostflanke der Nato einen russischen Kampfzonentransporter vom Typ „Antonov AN-72“ abgefangen. Deren Besatzung hatte den Militärtransporter (Nato-Code „Coaler“) im Funkverkehr dreist als ziviles Frachtflugzeug ausgegeben. „Unser Einsatz im Baltikum ist schon etwas Besonderes“, sagt „QRA“-Pilot Sören Richter. „Anders als im deutschen Luftraum, müssen wir hier immer damit rechnen, dass wir ein russisches Militärflugzeug abfangen. Bei uns daheim sind es meistens Airliner, also zivile Maschinen, bei denen ein technischer oder ein menschlicher Fehler passiert ist.“ Die Integrität des baltischen Luftraums für die neuen Nato-Partner Estland, Litauen und Lettland zu wahren, das ist die Aufgabe der Deutschen, die sie noch bis zum 4. Januar zu erfüllen haben. Nicht jeder kann und darf eben fliegen wie er will. Reinhard Mey irrte, als er sang: „Über den Wolken muss die Freiheit wohl grenzenlos sein.“

Fliegen im Eurofighter – für Hauptmann Richter (seit 1999 Jetpilot mit 1400 Flugstunden) ist ein Traum in Erfüllung gegangen. Das Flugzeug sei unheimlich wendig, voller moderner Elektronik und sehr zuverlässig.

Der Wind über dem Baltikum hat sich gedreht – er kommt nun aus dem Westen. Kalt ist es immer noch, aber die Sonne kämpft sich mit aller Macht durch die Wolkendecke.

Die Menschen in Litauen sind froh, dass die Nato ihren Luftraum überwacht. Daiva Seiningiene (30) meint: Es ist schön, Euch hier zu haben.“ Und ihre Freundin Margarita Bozyte fügt lächelnd hinzu: „Das gibt uns ein Gefühl der Sicherheit.“ Der bei der litauischen Luftwaffe für ausländische Angelegenheiten zuständige Stabsfeldwebel Alvydas Tamosiunas (36) geht noch einen Schritt weiter: „Ich persönlich glaube, dass das Air Policing der Nato ein wichtiger Beitrag für den Frieden ist.“

Nach einer knappen Flugstunde kehren Hauptmann Sören Richter und Oberstleutnant Berthold Eibisch zur Air Base nach Šiauliai zurück – auf einen einst litauischen Luftwaffenstützpunkt, der bis Anfang der 90er-Jahre von der Sowjetarmee benutzt wurde. Es ist der von den Scorpions besungene „Wind of Chance“, der in Litauen noch heute zu spüren ist.

Alarmstart: Als Eurofighter-Pilot Richter die beiden Nachbrenner zündet, schießen zwei bis zu 1200 Grad heiße Feuerschweife aus den Triebwerken.Fotos: Behmann

Artikel vom 16.11.2009 - 10.32 Uhr
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