Reportage
Nadel steckt im Arm – das lange Leiden der kleinen ZoeVon Ulrich Behmann
Kann wieder lachen: Zoe (3) mit Mutter Nicole Everding (26). Eine Woche lang steckte eine Nadel im Arm des Kindes. Foto: Behmann
Hameln. Sie hat gelitten und tagelang Schmerzen erdulden müssen. Tief in Zoes Ärmchen hatte sich eine 36 Millimeter lange Nähnadel gebohrt. Geschrien hat die Kleine – und Tränen vergossen. Ihre Mutter Nicole Everding (26) fährt von Arzt zu Arzt und von Klinik zu Klinik. Die Ursache allen Übels entdeckt zunächst niemand. Dafür werden umso mehr falsche Verdachtsdiagnosen gestellt. Bis ihrer Tochter geholfen wird, ist es ein langer Weg. Erst am Tag 7 entdeckt ein Radiologe den spitzen Fremdkörper. Dabei hatte der Hausarzt bereits nach der ersten Untersuchung des Kindes ein Röntgenbild angeregt. Wäre es sofort gemacht worden, hätte sich das Mädchen nicht eine Woche lang quälen müssen.
Der Leidensweg des Kindes beginnt an einem Mittwoch. Mittags beginnt die Dreijährige plötzlich über Schmerzen im rechten Arm zu klagen. Die besorgte Mutter schaut nach ihrer Tochter, aber sie kann nichts Ungewöhnliches feststellen. Trost spenden, kuscheln, beruhigen. Alles hilft nicht. Als Zoe am Abend immer noch weint, ruft die allein erziehende Mutter von drei Kindern (3, 5, 7) und gelernte Arzthelferin den hausärztlichen Notdienst für Bad Münder an und bittet um Hilfe.
Sie „wird über Nacht nicht daran sterben“
Anderthalb Stunden später kommt ein Mediziner ins Haus. Er vermutet, Zoe habe sich eine Prellung zugezogen. Der Arzt, so die Mutter, habe ihrer Tochter ein paar Arnika-Kügelchen gegeben und Salbe verschrieben. „Das Kind wird über Nacht nicht daran sterben. Es reicht, wenn Sie morgen zur Apotheke gehen“, soll der Mann gesagt haben.
Donnerstagmorgen. Als ihre größeren Töchter in Kindergarten und Schule sind, bringt Nicole Everding Zoe zum Hausarzt. Der erfahrene Landarzt untersucht die Kleine und stellt fest: Da muss ein Röntgenbild gemacht werden. Doch die Praxis, in der Zoe geröntgt werden soll, lehnt die Behandlung ab. Begründung: „So kleine Kinder röntgen wir nicht. Tut mir leid.“
Was tun? Zoe weint und schreit vor Schmerz. Die Sprechstundenhilfe des Hausarztes schlägt vor, zu einem Radiologen nach Hameln zu fahren. Die Mutter bekommt dort zwar sofort einen Termin, kann ihn aber nicht wahrnehmen, weil sie sich erst um ihre anderen beiden Kinder kümmern muss, die um die Mittagszeit nach Hause kommen. Am Nachmittag ist kein Termin frei. „Sie können in vier Tagen vorbeikommen“, heißt es.
Nicole Everding will ihrer Tochter sofort helfen und nicht lange warten. Sie spürt, dass Zoe leidet und keine Zeit zu verlieren ist. Sie ruft noch einmal bei ihrem Hausarzt an, fragt um Rat – und bekommt ihn auch. „Gehen Sie in die Kinderklinik an der Wilhelmstraße“, lautet er.
Ärzte glauben, Zoes Ellenbogen ist ausgerenkt
Die Mutter fährt mit ihrer Tochter nach Hameln. Im Krankenhaus wäre Zoe von mehreren Schwestern und zwei Ärzten angeschaut worden. „Irgendwann war mein Kind nur noch panisch und hat geschrien wie am Spieß“, erzählt die Mutter. Das kleine Mädchen wird untersucht. Eine Ärztin kommt zu dem Schluss: Zoes Ellenbogen ist ausgerenkt. „Vergeblich habe ich versucht, zu erklären, dass es meiner Tochter an dieser Stelle gar nicht wehtut. Aber es hat niemand auf mich gehört“, sagt Nicole Everding. Zoe muss große Schmerzen gehabt haben, als die Ärztin das gar nicht ausgerenkte Gelenk durch Hin- und Herdrehen des Armes wieder einrenken will. Dass die Behandlung nicht erfolgreich ist, merkt die Medizinerin. Im Ärztebericht steht: „Typisches Einrenkmanöver nicht überzeugend erfolgreich.“ Ein zweiter Kinderarzt kommt dazu. Auch er kann die Ursache des Schmerzes nicht finden. Die Mutter sagt, sie habe mit Nachdruck darauf gedrängt, dass wenigstens ein Ultraschall gemacht wird. Als hilfreich erweist sich diese Untersuchungsmethode jedoch nicht.
Die Ärzte empfehlen: „Geben Sie Zoe ein Schmerzmittel, und kommen Sie in zwei Tagen wieder, wenn es nicht besser geworden ist. Dann röntgen wir. „Auf meine Frage, warum Zoes Arm nicht sofort geröntgt wird, haben die Ärzte geantwortet: ,Das ist nicht nötig. Der Arm ist in Ordnung. Und zu viel Röntgen ist ungesund.“
Die Mutter verlässt das Krankenhaus, verabreicht Zoe einen Saft gegen die Schmerzen. Nach der Einnahme scheint es dem Kind etwas besser zu gehen. Es kann wieder schlafen, weint nur noch selten.
Montag, der sechste Tag. Nicole Everding setzt das Schmerzmittel ab. Zoe leidet wieder, sie schreit und weint. Die Mutter ruft in einer Arztpraxis in Springe an, bittet, man möge Zoe doch bitte röntgen. „Nein, machen wir nicht. Das Kind ist noch zu klein“, heißt es auch hier. Die 26-Jährige ist verzweifelt. Im Internet findet sie die Telefonnummer der Radiologischen Praxis von Vassilios Karakidis in Hameln. Sie bittet telefonisch um einen Termin. Dieser Arzt lehnt nicht ab, das Kind zu röntgen. Am nächsten Tag will er sich Zoe anschauen. „Wenn man es richtig macht, kann man Kinder jeder Altersstufe röntgen“, sagt der niedergelassene Radiologe. „Auch Säuglinge.“ Lediglich auf die richtige Dosis komme es an. Die müsse bei kleinen Patienten eben sehr niedrig sein. Für Karakidis steht fest: „Jede unnötige Strahlenbelastung muss vermieden werden. Wenn aber die Lage unklar ist, muss man auch den nächsten Schritt gehen.“
Dienstag, 9.15 Uhr. Die kleine Zoe wird endlich geröntgt. Und Radiologe Karakidis findet die Ursache des Schmerzes. Eine Nähnadel, deren Spitze in Richtung Achselhöhle zeigt.
Der Arzt schickt Mutter und Kind in das nahe gelegene Kinderkrankenhaus an der Wilhelmstraße. Eine Ärztin schaut sich den Befund an, informiert telefonisch die Chirurgische Abteilung im Krankenhaus an der Weser und bittet um einen OP-Termin für Zoe. Sie erhält eine für die Mutter unfassbare Antwort: „Wir entfernen die Nadel gern, aber erst in der kommenden Woche.“
Kleinkind sollte eine Woche auf die OP warten
Das ist offenbar auch für die Kinderärztin inakzeptabel. Die Medizinerin bittet die Kinderklinik auf der Bult in Hannover um Hilfe.
Dienstag, 14 Uhr: Mutter und Tochter erreichen das Kinderkrankenhaus in Hannover. Nach dem Papierkram folgt ein Aufklärungsgespräch. Dann stundenlanges Warten. Um 19 Uhr wird Zoe operiert und der Fremdkörper unter Vollnarkose entfernt. Ein langer Leidensweg geht zu Ende.
Die Mutter wirft der Kinderklinik in Hameln vor, ihr Kind nicht sofort geröntgt zu haben. „Hätten die dort das gemacht, was mein Hausarzt empfohlen hat, wäre Zoe vieles erspart geblieben.“
In der Kinderklinik ist man sich keiner Schuld bewusst. Der Dewezet sagte der von seiner ärztlichen Schweigpflicht befreite leitende Oberarzt Dr. Rainer Hruska: „Gerade bei kleinen Kindern sind wir sehr zurückhaltend mit dem Röntgen. In diesem Fall lagen keine Anhaltspunkte für einen Fremdkörper vor, sondern es zeigten sich eher die Symptome einer Verrenkung, wie sie in dem Alter häufig vorkommt. Im Interesse der kleinen Patienten gehen wir schrittweise vor und wählen das geringste Risiko als erste Option.“
Dass Zoe nicht umgehend im Hamelner Kreiskrankenhaus an der Weser operiert wurde, stößt dem Klinik-Chef allerdings sauer auf. Geschäftsführer Marco Kempka hat „vollstes Verständnis für den Unmut“ der Mutter. Sein Fazit: „Da ist eine bedauerliche Fehleinschätzung der Dringlichkeit vorgenommen worden.“ Natürlich sei dieser Fremdkörper nicht lebensbedrohlich, aber doch eine enorme Belastung für das Kind und die Eltern. „Das darf so nicht wieder vorkommen und entspricht in keiner Weise unserem Anspruch in der Versorgungsqualität“, sagt Kempka – und fügt hinzu: „Deshalb möchte ich mich bei der Familie für die Unannehmlichkeiten entschuldigen.“ Das Krankenhaus habe den Vorfall bereits intern besprochen und werde die OP-Organisation entsprechend weiter optimieren, sagt Kempka.
Zoe kann wieder lachen. Vorbei die Zeit der Qual und des Schmerzes. „Tut gar nicht mehr weh“, sagt die Kleine und zeigt auf den Arm: „Da war das Aua.“