Reportage
Mit Stenz und Staude auf der WalzVon Sabine Brakhan
Das Wandern ist des Müllers Lust und Hänschen klein, ging allein in die weite Welt hinein – so ist es uns aus berühmten Volksliedern bekannt. Doch nicht nur den Müller oder den kleinen Hans trieb es hinaus in die Ferne. Drei Jahre und einen Tag war auch der Steinmetzgeselle Philipp Opitz aus dem Bad Pyrmonter Ortsteil Holzhausen unterwegs; er hat Deutschland, Europa und Südamerika bereist und jede Menge neue Berufs- und Lebenserfahrung von seiner Reise mitgebracht. Philipp Opitz war als rechtschaffener fremder Wandergeselle auf der Walz, eine jahrhundertealte Handwerkertradition. „Tradition ist nicht das Aufbewahren der Asche, sondern die Weitergabe des Feuers“ – so lautet sein Lebensmotto.
Das zünftige Reisen von Handwerkern hat eine uralte Tradition, die sich bis ins späte Mittelalter zurückverfolgen lässt. Heute sind allerdings nur noch etwa 700 bis 800 Wandergesellen aller Zunftschächte weltweit unterwegs. Lediglich in der Zunft konnte die Jahrhunderte alte Tradition der Walz mit zeitgemäßen Anpassungen überleben. „Zum ersten Mal in Berührung gekommen bin ich mit dem Thema Walz während meiner Ausbildung in der Berufsschule. Etwa sechs Monate vor Ende meiner Lehre haben meine Mutter und ich dann zwei Wandergesellen in Bad Pyrmont getroffen, sind mit ihnen ins Gespräch gekommen und haben den beiden für eine Nacht Unterkunft in unserer Wohnung gegeben“, berichtet Philipp Opitz von den Schlüsselerlebnissen, die ihn endgültig dazu bewogen haben, selber die Erfahrung zu machen, für drei Jahre und einen Tag in die Fremde zu gehen. Nach Abschluss seiner Lehre tauschte der damals 19-jährige seine modischen Alltagsklamotten gegen die Kluft inklusive Ehrbarkeit, wie man den Schlips der rechtschaffenen fremden Gesellen nennt, allerdings erst einmal für sechs Wochen auf Probe. Traditionell besteht die Kluft aus einem schwarzen Hut, der in der Öffentlichkeit nur während des Essens und in der Kirche abgesetzt wird, der Staude, einem kragenlosen weißen Hemd, einer Weste mit acht Knöpfen, die für acht Stunden Arbeit am Tag stehen, einer Schlaghose mit zwei Reißverschlüssen, schwarzen Schuhen und dem schon erwähnten Schlips. Vervollständigt wird die zum Teil maßgeschneiderte Kluft durch einen Stenz, den Wanderstab und wichtiges Utensil bei gesellschaftlichen Ritualen. Philipp Opitz hat den Knauf seines natürlich gewachsenen Stocks mit einem geschnitzten Kopf kunstvoll verziert und ihm so ein unverwechselbares Aussehen verliehen. „Nun hieß es für mich, mein altes Leben zu ordnen, unter anderem mein Auto zu verkaufen und mich an mein neues Leben zu gewöhnen sowie in die Gesellschaft der rechtschaffenen fremden Gesellen hineinzuwachsen“, erinnert sich Philipp Opitz.
Dreh- und Angelpunkt jeder Gesellschaft ist die Herberge. Der Bad Pyrmonter hatte Glück, die nächstgelegene Herberge seiner Gesellschaft ist die „Kreuzschenke“ in der Hamelner Kreuzstraße. Hier finden sich auch die einheimischen Fremden zu den verschiedenen Anlässen ihrer Gesellschaft, wie Gesellen-, Schaller- oder Trudelabende auf dem Handwerkersaal ein und halfen dem Neuling beim Eintritt in den Gesellschaftsbund. Geheime Rituale innerhalb des Zunftschachtes begleiteten ihn auf seinem Weg. Und dann kam der Tag des Abschieds für Philipp Opitz. Das Hamelner Ortsschild an der B 217, das wegen einer Baustelle nur provisorisch und sehr niedrig angebracht war, war für den sportlichen jungen Mann keine wirkliche Hürde. Es war rasch überwunden. Viel größer war die Versuchung, sich noch einmal umzudrehen, einen letzten Blick auf die verabschiedende Gesellschaft zu werfen. „Losgebracht wird der Neuling von einem oder mehreren erfahrenen Wandergesellen. Das ist eine besondere Ehre für die Kameraden, schließlich ist der Neue noch unerfahren und muss beispielsweise erst lernen, im Notfall auch einmal im Freien zu übernachten“, erzählt Philipp Opitz. In seinem Fall begleitete ihn der Ofenbauer Ronny Schwarz aus Potsdam auf den ersten vier Wochen seiner Reise. Von ihm lernte er das Vorsprechen beim Meister, das Schallern (Singen) zünftiger Gesellenlieder und was es heißt, ins Trudeln – früher eine Gesellenstrafe – zu geraten. Gepäck hat ein rechtschaffener fremder Geselle nur so viel, wie sein Charlottenburger aufnehmen kann. Dabei handelt es sich aber keinesfalls um einen Koffer, eine Tasche oder einen Rucksack. Nein, der Charlottenburger ist ein achtzig mal achtzig Zentimeter großes Tuch, das mit der Reklame des Zunftschneiders oder auch mit Bildern der Zunft bedruckt ist. Eine besondere Technik und viel Geschick sind erforderlich, um das Hab und Gut so zu verstauen, dass der Charlottenburger am Ende die Form einer akkuraten, riesigen Wurst hat. „Mein Reisegepäck war ungewöhnlich schwer, und so dachten meine Kameraden, ich würde Unmengen an Werkzeug mit mir herumschleppen. Aber ich bin unheimlich eitel und habe auch während meiner Wanderjahre sehr auf mein Äußeres geachtet. Das Gewicht meines Charlottenburgers haben vor allem meine Toilettenartikel ausgemacht“, verrät Opitz. Schmuck ist dem rechtschaffenen fremden Gesellen nicht erlaubt, mit zwei Ausnahmen: Er darf einen Ohrring mit Handwerkswappen und eine Zunftuhrkette mit den Wappen der Städte, in denen er gearbeitet hat, tragen.
Und dann ging sie richtig los, die große Reise des Philipp Opitz, und sie führt ihn nicht nur in nahezu jede deutsche Großstadt, sondern auch nach Österreich, in die Schweiz, nach Norditalien, Bulgarien, Holland, Dänemark und über den Großen Teich nach Argentinien. Nicht immer ohne Pleiten, Pech und Pannen, so wie beispielsweise in Bayern: „An eine der ersten Nächte auf meiner Walz werde ich mich wohl mein Leben lang erinnern. Es war bitterkalt und schon recht spät, als wir an einem Fachwerkhaus mit einem Handwerkszeichen vorbeikamen und klingelten. Der Hausherr war gastfreundlich, das Haus nur von außen alt, innen völlig modern durchgestylt und wir durften in einem absolut luxuriösen, riesigen Badezimmer duschen. Leider wollte die Hausherrin uns nicht unter ihrem Dach beherbergen und so standen wir mit nassen Haaren bei Minustemperaturen bald wieder auf der Straße. Ein Werbeanhänger am Straßenrand musste für die Nacht reichen. Die war allerdings morgens um 2 Uhr vorbei. Der Hänger wurde umgeparkt, und wir hatten wieder kein Dach über dem Kopf. Auf einer Baustelle haben wir uns dann mit Glaswolle notdürftig gegen die Kälte geschützt, allerdings mussten wir auch dieses „Sternenhimmelbett“ bald wieder räumen, denn die Kollegen vom Bau rückten an. Als wir dann in der Mensa der Uni nicht mal ein Frühstück erwerben konnten, weil wir keinen Studentenausweis hatten, beschlossen wir, in Zukunft einen großen Bogen um den Freistaat Bayern zu machen“, erzählt Philipp Opitz, der mittlerweile über das Erlebte lächeln kann. Dann blättert er in der Stadtsiegel-Sammlung seines Wanderbuches. Besonders stolz ist er auf den Stempel von Wyk auf Föhr, das Siegel ist bereits viele Jahrhunderte alt. Während seiner Zeit in Südamerika konnte Philipp Opitz seine Kluft gegen zivile Kleidung tauschen. „Innerhalb der europäischen Grenzen besteht Kluftzwang, in Übersee nicht. Hier habe ich auch nicht im Bauhandwerk gearbeitet, sondern mein Geld als Touristenführer bei Wal- und Pinguintouren verdient“, erzählt Philipp Opitz. „Und gesprochen wurde ausschließlich Spanisch. Es ist schon erstaunlich: In der Not lernt man unglaublich schnell“, so seine Erfahrung vom improvisierten Fremdsprachen-Crashkurs mit anderen ausländischen Hostelbewohnern.
Nun ist Philipp Opitz bereits einige Zeit wieder zu Hause, innerhalb des Bannkreises, den er so lange meiden musste. Einheimisch gemeldet hat er sich noch nicht wieder. „Rein theoretisch könnte ich morgen wieder losziehen, das habe ich aber nicht vor, denn ich habe in Hannover bei der Firma Naturstein Krause eine Anstellung gefunden. In diesem Betrieb habe ich bereits einige Zeit während meiner Walz gearbeitet“, so der noch rechtschaffene fremde Steinmetz. Kirchen, Klöster und Dome sind jetzt sein Arbeitsplatz, und der Steinmetz kann seine gesammelten Erfahrungen in den Erhalt und die Restaurierung der historischen Schätze einfließen lassen. Auch privat hat der Steinmetz auf der Walz sein Glück gefunden. Freundin Nadine Kreißl möchte nach Abschluss ihrer Ausbildung Chemnitz verlassen und mit Philipp Opitz in eine gemeinsame Zukunft in Niedersachsen starten…
Das Gepäck geschultert: Philipp Opitz (re.) kehrt nach drei Jahren und einem Tag in Begleitung befreundeter Gesellen in die Heimat zurück – das ist schon einen Kurzen wert.
Fotos: Brakhan
Philipp Opitz hat die Welt gesehen – und kann etwas erzählen.