Reportage
Malle, wo fährst du eigentlich in den Ferien hin?Von Birgit Sterner
Hameln. Sommerurlaub? Herrlich! Da planschen viele Kinder gemeinsam mit Mama und Papa im Mittelmeer, bauen mit ihnen Sandburgen am Nordsee- oder Ostsee-Strand oder unternehmen mit ihnen einen zünftigen Zelturlaub. 14 Tage lang können sich dann viele Eltern von morgens bis abends an ihren Lieblingen erfreuen. Auch Malle freut sich in dieser Zeit von morgens bis abends über den Nachwuchs. Statt auf ihrem üblichen Terrain in der Kurie Jerusalem ist Marlis Rißmann, Erzieherin und Leiterin der städtischen „Kinderwelten“, dann im Feriencard-Zeltlager am Töneböncamp zu finden.
Die Geschichten sprudeln nur so aus ihr heraus
Malle wird sie liebevoll genannt. Und Malle kennen irgendwie alle, auch die Eltern der Kinder, manche schon aus eigenen Kindertagen. Sie ist in Hameln immer dort anzutreffen, wo Kinder sind. Und das nun schon seit 1977: Damals stand die Kurie, die „Kinderwelten“ der Stadt Hameln, noch im Rohbau, erinnert sich die gelernte Erzieherin. Und fügt einen Satz hinzu, der aufhorchen lässt: „Es macht immer noch sehr, sehr viel Spaß.“ Von den Kindern von heute spricht sie ebenso respektvoll wie von den Kindern von damals. „Manches macht mich heute aber schon traurig“, sagt sie. Vor 30 Jahren hatten Achtjährige keinen Computer. „Und einen Mittagstisch brauchten wir auch nicht anzubieten“, sagt Malle. Frau Rißmann sagen übrigens die wenigsten zu ihr. Ihr Spitzname ist nicht nur einfacher, er schafft auch automatisch eine vertrautere Basis.
„Die Kinder sind immer total erstaunt, dass dieses hier meine Arbeit, mein Beruf ist“, erzählt die Erzieherin, „sie können gar nicht glauben, dass ich nicht wie sie hier nur ein paar schöne Ferientage verlebe.“ In jedem Jahr werde sie gefragt, was sie denn zu tun hätte? Eine ganze Menge: Sie organisiert, plant, denkt für die Betreuer mit, fragt, ob das Knie von Tobias noch wehtut, ruft eine Mutter an, stellt Listen für die Betreuer zusammen – und, und, und... „Eigentlich verbringe ich meine Sommer immer mit durchschnittlich 60 Kindern“, schmunzelt die Erzieherin. Bei städtischen Jugendfreizeiten, die nach Dänemark und Schweden führten, war sie bis vor vier Jahren dabei. Bis 2008 ist sie mit der Ferienwanderung auch noch hoch zum Finkenborn marschiert. In diesem Jahr organisiert Malle das zweiwöchige Zeltlager „Camp für Kids“. Es sei immer noch genauso aufregend wie mit der ersten Freizeit, sagt sie. Genau dies macht das Phänomen „Malle“ aus: Sie ist irgendwie selbst Kind geblieben, nimmt Dinge wahr, die wir Erwachsenen verlernt haben zu sehen.
Malle ist eine leidenschaftliche Geschichtenerzählerin. „Die sprudeln nur so aus mir heraus, da ist gar nichts geplant“, erklärt sie. Meistens stelle ein Kind eine Frage und daraus entwickele sich dann die Geschichte. So ist auch „Malle, der Zwerg“ entstanden: „Von meinem Leben als Zwerg erzähle ich nun seit fünf Jahren“, erzählt die Erzieherin. Auslöser sei das Thema „Farbe und Feen“ in den „Kinderwelten“ gewesen. Mittlerweile sei die Geschichte „riesengroß“ geworden, denn ständig käme etwas hinzu. Mit den Kindern wandert das Märchen von „Malle, dem Zwerg“ auch jedes Jahrs ins Zeltlager und von dort mit nach Hause. Malle hat auch interessante Kleidung an: Irgendwie sieht sie noch ein bisschen wie ein Zwerg aus, finden die Kinder. Ein Satz war auch ganz herrlich, erinnert sich Malle: „Endlich haben wir deinen Zwergenladen gefunden, wo du deine Zwergenkleidung kaufst“, wurde sie eines Tages von den Kindern begrüßt. „Den gibt es wirklich“, meint Malle: „Wenn Sie daran vorbeigehen, werden Sie es wissen...“
Und wo macht Malle denn nun Urlaub von den Zwergengeschichten und dem aufregenden Lagerleben? „Das dauert noch“, verrät sie. Sie liebe das raue Klima, den Herbst, die Kälte. „Dann gehe ich mit Mann und Hund am Strand in Dänemark spazieren“, sagt Malle. Und lässt dort die Seele baumeln ...
Finn-Benedict Sokol bedankt sich bei Malle (re.) mit Blumen für die schöne Zeit.
Mareike Tammen freut sich mit – sie ist seit 1999 als Betreuerin beim Zeltlager und bei der Ferienwanderung dabei.
Marlis Rißmann ist eine leidenschaftliche Geschichtenerzählerin: In den Sommerferien betreut die Leiterin der „Kinderwelten“ den Nachwuchs im Feriencard-Zeltlager. Fotos: git