Reportage

Hilfe aus der Luft – diese Retter fliegen um Ihr Leben
Von Ulrich Behmann

1 von 5

Langenhagen, 9.45 Uhr. Einsatz für die einzige fliegende Intensivstation in Niedersachsen – der erste an diesem Tag. Die Zentrale Koordinierungsstelle des Landes Niedersachsen kündigt telefonisch einen Transport an. Zeitgleich werden per Fax Patientendaten übermittelt: 70 Jahre, männlich, bewusstlos, beatmet, schweres Schädel-Hirn- und Brustkorb-Trauma. Verlegungsflug von der Medizinischen Hochschule Hannover nach Bochum zur Bergmannsheil-Klinik.

Pilot Achim Bickel (52), Notarzt Dr. Cordian Bialek (47) und Rettungsassistent Ingo Sommer (45) laufen zum blau-weißen Medikopter, der auf dem Flughafen Hannover-Langenhagen stationiert ist. Bickel, ehemaliger Marineflieger mit 6600 Flugstunden, startet die beiden je 650 PS starken Triebwerke der McDonnel Douglas 900 Explorer (Kaufpreis: sechs Millionen Dollar). Die Maschine des zur Deutschen Rettungsflugwacht (DRF) gehörenden Hubschrauber Sonderdienstes (HSD) hebt ab. „Christoph Niedersachsen“ – so lautet der Funkrufname – nimmt Kurs auf die Hochschule. Für die 20 Kilometer braucht der Helikopter fünf Minuten. Auf der Chirurgischen Intensivstation werden die Luftretter schon erwartet. Von einer Kollegin erfährt Notarzt Dr. Bialek, dass der Zustand des Seniors stabil ist. „Er hatte einen Verkehrsunfall, war im Wrack eingeklemmt“, sagt die Chirurgin. Ingo Sommer bereitet die Trage für den Lufttransport vor. Der Koma-Patient wird von den Maschinen und Spritzenpumpen der Klinik abgekabelt und an die Geräte aus der fliegenden Intensivstation angeschlossen. Das erfordert höchste Konzentration. Eine Stunde dauert das.

Hannover, 10.54 Uhr. „Christoph“ hebt ab. Mit 240 km/h geht es der 220 Kilometer entfernten Stadt Bochum entgegen. Pilot Bickel fliegt in einer Höhe von 2000 Fuß (700 Meter). Sonnenschein, mehr als 50 Kilometer Fernsicht. Notarzt und Rettungsassistent haben keine Zeit, aus dem Fenster zu schauen. Auf Monitoren überwachen sie Blutdruck, Herzkurve und Sauerstoffsättigung des Patienten. Dr. Bialek protokolliert alle Messungen im Intensivverlegungsbericht.

Bochum, 11.50 Uhr, Berufsgenossenschaftliches Klinikum Bergmannsheil. Achim Bickel landet auf dem Dach des Krankenhauses, stellt die 900 Grad heißen Turbinen ab. Drei Ärzte warten schon auf den Patienten. Rasch lädt die Crew den Schwerverletzten aus. Mit dem Fahrstuhl geht’s zur Notaufnahme. Dort wird der Patient übergeben – ab jetzt kümmern sich andere Retter um das Unfallopfer.

Die Gefahr lauert in der Finsternis

13.13 Uhr. Intensivtransporthubschrauber „Christoph Niedersachsen fliegt Richtung Nordwesten, nimmt Kurs auf Hannover. „Gegenwind, 15 Knoten“, meldet der Tower. Am Heck des Helikopters bewegt sich nichts. Die MDD 900 hat keinen Heckrotor. Dafür schießt angesaugte Luft aus einer Düse.

14.12 Uhr. Die Maschine setzt direkt vor dem Luftrettungszentrum auf dem Flughafen Langenhagen auf. Bickel tankt die MDD 900 Explorer auf. Auf Arzt und Pilot wartet Papierkram. 7000 Euro hat der Rettungsflug gekostet.

15.18 Uhr. Neuer Einsatz. Ein Mann (81) soll von Soltau nach Rotenburg/Wümme geflogen werden. Der Senior ist herzkrank, schwebt in akuter Lebensgefahr. Die Besatzung läuft zum Hubschrauber. Dem Kranken geht es offenbar sehr schlecht. Sieben Minuten später wird der Helikopter abbestellt. „Patient ist nicht mehr transportfähig“, heißt es.

Zu 152 Notfall-Einsätzen und 433 Intensivverlegungen ist „Christoph Niedersachsen“ im vergangenen Jahr gestartet. 77-mal flog die Crew bei Nacht. Das sei immer noch etwas Besonderes, sagt Stationsleiter Bickel, denn: „Die Rettungshubschrauber, die bei Dunkelheit fliegen, kann man fast an einer Hand abzählen.“

18.18 Uhr. Die Besatzung startet nach Höxter. Am Steuer sitzt ein neuer Pilot. Nach zehn Stunden Dienst ist Achim Bickel um 17 Uhr von seinem Kollegen Mike Happel (37) abgelöst worden; Notarzt und Rettungsassistent machen weiter – sie haben 24-Stunden-Schicht.

Im Schockraum des St. Ansgar-Krankenhauses liegt eine Frau. Verdacht auf Hirnblutung. Die 66-Jährige schwebt in akuter Lebensgefahr. In Höxter können die Ärzte nicht viel für die Bewußtlose tun, denn es gibt dort keine Neurochirurgie. „Christoph Niedersachsen“ fliegt an Hameln vorbei und über Hessisch Oldendorf hinweg, landet 20 Minuten später neben der Klinik.

Mann fällt ins Koma – jede Minute zählt

19.38 Uhr. Die fliegende Intensivstation hebt ab. „Es geht zur Uni-Klinik Göttingen“, sagt Pilot Happel (1700 Flugstunden), der bis vor kurzem noch bei der Bundeswehr geflogen ist. 95 Kilometer sind es von Höxter nach Göttingen. Um 20.02 Uhr geht „Christoph“ zur Landung über. In der Notaufnahme wird die Frau untersucht. „Sie muss sofort in den OP“, entscheiden die Neurochirurgen. Time is brain, sagen Mediziner. Übersetzt heißt das: Zeit ist Gehirn. Denn: Steigt der Hirndruck durch die Blutung zu stark an, wird das Organ gequetscht.

20.25 Uhr. Die Besatzung schiebt die Trage in die Maschine, da klingelt das Handy des Piloten. Die Koordinierungsstelle fordert den Helikopter an. Notfall. Ein junger Mann ist um 16.50 Uhr mit Kopfschmerzen in das Klinikum Braunschweig gekommen und dort bewusstlos zusammengebrochen. Eine Ader in seinem Gehirn ist geplatzt. In der Klinik kämpfen Ärzte um das Leben des erst 19-Jährigen. Operieren können sie ihn nicht. Es gibt keine Neurochirurgie in Braunschweig. Die Universitätsklinik Magdeburg ist bereit, den Schwerstkranken aufzunehmen.

Eigentlich müsste Rettungspilot Mike Happel erst nach Hannover zurückfliegen und dort einen zweiten Piloten aufnehmen. Denn nachts wird aus Sicherheitsgründen nur zu zweit geflogen. In der Finsternis sehen vier Augen mehr als zwei. Stromleitungen sind gar nicht, Windräder nur schlecht zu entdecken. „Noch ist es zwar hell“, sagt Happel, „aber vor Mitternacht kommen wir nicht heim.“ Angesichts der dramatischen Situation, in der sich der Patient befindet, entscheidet Happel. „Okay, wir fliegen direkt nach Braunschweig.“

21.02 Uhr. Die Retter sind wieder in der Luft. Abendrot. Harz-Überflug. Nach 31 Minuten landet „Christoph“ in Braunschweig. Koma-Patient übernehmen, Notarzt-Protokoll ausfüllen. Routinearbeit. Draußen wird es dunkel.

22.10 Uhr. Pilot Happel lässt die Triebwerke an, schaltet den Scheinwerfer ein. Wie ein Fahrstuhl steigt die Maschine auf. Unter uns glitzern die Lichter der Stadt.

22.55 Uhr. „Christoph“ erreicht Magdeburg. Der Landeplatz ist kaum beleuchtet. Die Crew hat Schwierigkeiten, ihn zu finden; der Pilot muss kreisen. Wertvolle Zeit geht verloren. Happel orientiert sich an den Blaulichtern eines Rettungswagens. Er ist sauer. Jemand hat vergessen, die Landebefeuerung einzuschalten.

23.01 Uhr: In der Neurochirurgie übergibt Dr. Bialek seinen Patienten an Fachärzte. Weil es „Christoph Niedersachsen“ gibt, hat der Kranke eine Überlebenschance.

01.10 Uhr. Der Intensivtransporthubschrauber landet an der Station in Langenhagen. „Leitstelle, hier ist Christoph Niedersachsen“, funkt Rettungsassistent Ingo Sommer. „Wieder einsatzbereit. Gute Nacht – und tschüss!“

Artikel vom 03.08.2009 - 18.45 Uhr
drucken
Diesen Artikel versenden


   
versenden

Artikel kommentieren






Übersicht | Nachrichten | Lokales | Sport | Kultur | Bilder | Service | Anzeigenmarkt | Impressum
© Deister- und Weserzeitung Verlagsgesellschaft mbH & Co. KG
Eine starke Gruppe: Deister- und Weserzeitung | Pyrmonter Nachrichten | Dewezet Bodenwerder | Schaumburger Zeitung | Schaumburg-Lippische Landes-Zeitung | Neue Deister-Zeitung | Wesio | Weserbergland.Com | Medien 31