Reportage
Günther Hartmann lässt 15 Tonnen schwebenAn den Steuerhebeln des Krans: Günther Hartmann achtet mit höchster Konzentration auf die Handzeichen der Helfer. Fotos: ris
Von Doris Werner
Emmerthal. „Die Bodenverhältnisse sollten gut und gerade sein. Sind diese Kriterien gegeben, reicht es, die vier Stützen am Fahrzeug auszufahren. Sind die Bodenverhältnisse allerdings schlecht, muss ich die Stützen mit zusätzlichen Brettern ausgleichen“, so Hartmann.
Gegenwärtig hat er Glück, der Untergrund ist asphaltiert und eben. Nach rechts und links muss genug Platz zum Ausschwenken vorhanden sein. Hartmann stellt sich in Position. Das Gegengewicht muss er noch ausgleichen. Insgesamt benötigt er 10,.5 Tonnen, das heißt, noch 3,5 Tonnen zusätzlich aufnehmen. Dieses sogenannte Kontergewicht nimmt Hartmann hinter der Fahrerkabine auf.
Sein Auftrag heute: Vier Schalldämpfer für Verdichter verladen. Diese sind aus Stahl, jeweils sechs Meter lang und haben einen Durchmesser von 1,60 bis 3,10 Meter. Vom Hof der Firma aus sollen sie auf spezielle Fahrzeuge verfrachtet werden. Diese transportieren sie nach Peine, wo sie verpackt werden, um weiter ins Ausland verschickt zu werden. Auf dem Hinterhof der Firma stehen bereits ein Tieflader und zwei Spezialtransporter bereit. Es kann losgehen. Bei dem ersten Schalldämpfer handelt es sich immerhin um ein Gewicht von 15 Tonnen. Helfer sind schon dabei, zwei Gurte, die an riesigen Ketten des Krans befestigt sind, um den Schalldämpfer zu legen. Sie müssen richtig platziert werden, um das Gleichgewicht zu halten. Ausgelegt sind sie für 20 Tonnen.
Nach einem kurzen Test, der nochmaligen Kontrolle des Gewichtes und dem o. k. von Hartmann, der in seinem sogenannten Oberwagen sitzt, geht es los. Der erste Riese geht in die Luft. Langsam hebt der Schalldämpfer vom Erdboden ab, und geschickt lenkt Hartmann ihn in Richtung des bereitstehenden Tiefladers. Eine Drehung um 180 Grad ist dabei notwendig. Es löst ein mulmiges Gefühl aus, wenn man nach oben schaut, was bei dem andauernden Nieselregen sowieso nicht angenehm ist, und da bewegen sich eben mal 15 Tonnen über einen hinweg. Bloß nicht darüber nachdenken, was passieren würde, wenn jetzt irgendetwas nicht richtig hält oder reißt...
Die benötigte Mastlänge bei diesem Vorhaben beträgt lediglich 14 Meter, 39 wären möglich, und mit angebauter Klappstütze könnten sogar 54 Meter ausgefahren werden.
Vier Helfer stehen um den Tieflader, um den Riesen in Empfang zu nehmen und richtig zu positionieren. Jetzt gilt es für Hartmann, auf die Fingerzeige der Helfer zu achten. Zeigt der Daumen nach rechts oder links, dreht der Finger nach oben oder unten…, schnell muss er reagieren. Höchste Konzentration ist in diesem Moment für Hartmann angesagt. Eine kleine Unaufmerksamkeit könnte verheerende Folgen haben. „Es gibt auch Fälle, in denen ich keinen Sichtkontakt zu meinen Helfern habe, dann müssen wir mit Handfunkgeräten arbeiten.“
Nachdem der erste Schalldämpfer gut verladen ist, gibt es Handzeichen für Hartmann, die Ketten etwas herabzulassen, damit die befestigten Gurte gelöst werden können.
Auf geht’s zum nächsten Gefährt. Nun gilt es noch einmal, elf und zweimal acht Tonnen zu verladen. Es wird immer ungemütlicher, der Himmel zieht sich noch weiter zu und der Regen wird stärker. Aber die Männer scheint dies nicht weiter zu stören. Ihnen ist auch noch nicht kalt genug, um in den kurzen Pausen, die entstehen, wenn die Lkw rangieren, eine Zigarette zu rauchen.
Diesmal handelt es sich um einen geschlossenen Spezialtransporter: Das Dach, welches aus einer Plane besteht kann geöffnet werden. Es wird einfach nach vorne aufgeschoben. Am Ende des Fahrzeuges schwebt bereits der nächste Riese, und Hartmann wartet wieder auf Handzeichen. Vorsichtig und nach Millimeterarbeit wird der Schalldämpfer in den Wagen befördert. Er muss bis ganz nach vorne dirigiert werden. Dahinter muss noch ein zweiter seinen Platz finden. Wieder ist genauste Aufmerksamkeit von Hartmann gefordert. Aber nach 31-jähriger Berufserfahrung bei der Firma Wortmann ist er natürlich Routinier und hat keinerlei Probleme, dieses schnell und geschickt zu lösen.
Aber irgendetwas scheint noch nicht hundertprozentig zu stimmen, der Lkw-Fahrer steigt in sein Fahrerhaus und fährt auf Anweisung langsam Stück für Stück rückwärts; solange, bis alles perfekt ist. Nach einigen Minuten ist das zweite Teil verladen, und schon sieht mann, wie die Männer dem nächsten Schalldämpfer die Gurte umlegen. Alle Helfer sind längst ein gut eingespieltes Team, und es scheint immer schneller zu gehen. So hat auch der zweite Schalldämpfer nach wenigen Minuten seinen richtigen Platz auf dem Fahrzeug. Kaum sind die Gurte gelöst, klirren auch schon die Ketten, die Hartmann hochzieht. Im Hintergrund ertönen die Motorengeräusche der Transporter. Während der eine noch seinen Standort verlässt, steht der nächste schon mit aufleuchtenden Rückfahrscheinwerfern zum Rangieren bereit. Kleine Probleme bereitet der letzte riesige tonnenschwere Behälter. Er scheint nicht in den LKW zu passen, aber dank der modernen Technik kann hier schnell Abhilfe erfolgen. Mithilfe einer Hydraulik können die hinteren Seitenteile um je 50 Zentimeter verbreitert werden. Schon ist alles passend gemacht. Die Seitenplanen des Wagens werden einfach zur Seite geschoben und Metallstangen entfernt. So kriegen die Männer auch dieses kleine Handicap schnell in den Griff. Ein letztes Mal heißt es nun für Hartmann allerhöchste Aufmerksamkeit und viel Fingerspitzengefühl bei diesem Auftrag. Millimetergenau verfrachten alle gemeinsam den letzten Schalldämpfer sicher im Fahrzeug.
So, das wäre geschafft. Der Kranarm fährt langsam runter, Hartmann löst die Ketten von der Hakenflasche und lässt sie in die entsprechende Vorrichtung fallen. Jetzt muss Hartmann das Kontergewicht hinter die Fahrerkabine zurücksetzten, denn sonst dürfte er damit nicht fahren. Die Stützen werden eingefahren, und die Hakenflasche an einer dafür vorgesehenen Vorrichtung hinter dem Fahrerhaus befestigt. Ganz gewissenhaft versorgt Hartmann sein Fahrzeug. „Er hegt und pflegt es wie sein Eigentum“, verrät seine Chefin. Am liebsten sieht er auch nur sich selber auf den Fahrersitzen. Und so machen ihm und seinem Autokran natürlich auch kein Dauer-Nieselregen und kalter Wind auch nur im Geringsten etwas aus.