Reportage
Ein Leben zwischen Schiebefenster und SchaukelsesselVon Julia Henke
Eine kurze Pause, bis der nächste Kunde kommt: Bülent Tanyeli (re.) steht mit seinem Schwager vor dem Kiosk. Fotos: jhe
„Wenn das Wetter gut ist, verkaufe ich viele Getränke.“
Die Luft ist kühl und erfrischend, als Bülent Tanyeli am Samstagmorgen um vier Uhr den Schlüssel im Schloss seiner Ladentür umdreht. Das Schlüsselbund klappert, die Tür ist zugesperrt. Leichte Schatten unter den Augen zeichnen Tanyelis Gesicht, das sonst durch weiche Züge und einen sauber rasierten Bart rund um den Mund auffällt. Er geht einen Schritt zurück, streckt den rechten Arm nach oben und zieht das Absperrgitter vor der Tür leise herunter. Noch einmal dreht er den Schlüssel im Schloss herum. Fertig, jetzt hat er Feierabend.
Zwölf Stunden hat er im Kiosk verbracht – so wie an jedem Tag, seitdem seine Frau den 30 Quadratmeter großen Laden in Hannover-Linden von ihrem Bruder übernommen hat. Seit 27 Jahren pachtet die Familie von Tanyelis Frau die Ladenfläche in dem braun geklinkerten Eckhaus. Die Leuchtreklame mit der Aufschrift „Trinkhalle“ ragt wie ein Dach über einen schmalen Teil des Gehweges, ganz so wie in den Anfangstagen des Kiosks. Die Schaufensterscheibe, hinter der sich Butterkekse, Erdnüsse und Ritter-Sport-Schokolade aneinanderreihen, erinnert mit ihrem weißen Holzrahmen an längst vergangene Zeiten. Neu ist nur der rote Mülleimer mit dem weißen Langnese-Herz, der rechts neben dem ein Meter breiten Schiebefenster hängt.
Seit vier Monaten öffnet Tanyelis Frau jeden Morgen um neun Uhr die Jalousie zum kleinen Fenster, durch das sie den Kunden die Waren gibt. Bülent Tanyeli fährt in dieser Zeit zum Großmarkt, kauft Waren nach und guckt, welcher Supermarkt Sonderangebote hat. Gegen 16 Uhr löst er seine Frau im Kiosk ab. Da bleibt nur wenig Zeit für die 13 Monate und sieben Jahre alten Töchter.
„Wenn ich Leute habe, mache ich einmal die Woche sechs bis sieben Stunden frei“, sagt Tanyeli. Leute heißt, jemand aus der Familie, zum Beispiel Tanyelis Cousin. Springt er ein, kann Tanyeli ein paar Stunden zusammen mit seiner Frau und den beiden Töchtern verbringen. Dann gehen sie meistens spazieren. Sonst verbringen die Kinder viel Zeit bei ihrer Großmutter.
„Kiosk heißt, wir sammeln Cents“
„Wenn du einen Kiosk hast, hast du kein Privatleben“, sagt Tanyeli und versucht, seine Lippen zu einem Lächeln zu bewegen. Seine Sätze sind holprig, auch wenn er schon vor 13 Jahren seine türkische Heimat verlassen hat, um in Deutschland zu leben. Er spricht leise und manchmal etwas undeutlich.
Trotz der langen Arbeitszeiten wird Tanyeli mit dem Laden nicht reich werden. „Kiosk heißt, wir sammeln Cents“, erklärt er, während er sich in seinem weißen Ikea-Schaukel-Sessel zurücklehnt und die Arme gestikulierend ausbreitet. „In letzter Zeit läuft der Kiosk immer schlechter. Die Leute haben kein Geld und kaufen lieber bei Real, da ist es günstiger.“ Das war früher anders. Als sein Schwiegervater vor 27 Jahren den Kiosk eröffnete, habe er täglich bis zu 6000 Mark Umsatz gemacht. In jener Zeit gab es noch nicht an jeder Ecke einen Kiosk, wie es heute in Linden Nord der Fall ist. Und auch die Supermärkte hatten noch nicht bis 22 Uhr geöffnet.
Für Tanyeli ist klar, dass er nicht den Rest seines Lebens im Kiosk steht. Er hat andere Pläne: „Ich mache nicht so lange, vielleicht ein oder zwei Jahre noch.“ Danach will er den Laden verkaufen, einen Imbiss aufmachen und zurück in seinen alten Beruf als Koch. „In der Gastronomie verdienst du mehr. Und findest du gutes Personal, dann hast du auch mal freie Tage.“
Das Schiebefenster jederzeit im Blick
Bis es soweit ist, verbringt Tanyeli aber noch viel Zeit im Nebenraum des Kiosks. Auf neun Quadratmetern hat er sich ein kleines Wohnzimmer eingerichtet. Ein braunes Ecksofa steht dort, links daneben ein kleiner Metalltisch mit Computer und Flachbildschirm. Sein Sessel steht rechts neben dem Durchgang zum Laden, so dass er jederzeit die Kunden vor dem Schiebefenster sehen kann. Drei Meter vor dem Sessel flimmert ein türkischer Sender über den Fernsehbildschirm. Tanyeli lehnt sich im Sessel zurück und hört dem Nachrichtensprecher zu. Es ist schwül, die ersten beiden Knöpfe seines weißen Hemdes sind geöffnet. Der Ventilator dreht sich, ein leichter Wind weht durch den Raum.
Ein leises „Drrring“ erklingt. Sofort springt Tanyeli auf und geht auf das kleine Fenster im Nebenraum zu. Seine braunen Sandalen schlurfen dabei leicht über die matten, hellbraunen Fliesen. Tanyeli stützt seine Arme auf die weiße Ablage vor dem Schiebefenster. „Hallo“, sagt er mit freundlicher Stimme und blickt auf sein Gegenüber. Eine blonde Frau Mitte 20 möchte eine Schachtel Marlboro. Der 38-Jährige bewegt sich zwei Meter nach links, seine Hand greift auf Augenhöhe in das Regal und holt eine rot-weiße Schachtel hervor. Zwei Schritte zurück zum Fenster. Kleingeld klimpert auf der Geldablage. Die Kasse geht auf. Tanyeli gibt der blonden Frau ihr Wechselgeld. „Bei Zigaretten und Tabak bleibt nicht viel Geld übrig und ich muss dafür jeden Tag einkaufen gehen“, sagt Tanyeli. An einer Stange Marlboro, die er für 40 Euro einkauft, verdient er gerade einmal drei Euro. Etwas mehr Geld verdient er an Getränken. Vor allem Bier wird an diesem Tag viel gekauft. „Was kostet eine Flasche Alster?“, fragt eine Frau, die mit ihrem roten Damenrad vor dem Fenster steht. „Ein Euro zwanzig“, antwortet Tanyeli. „Dann hätte ich gerne zwei“, sagt die Frau, während sie ihr Geld zählt. Tanyeli dreht sich um und geht fünf Schritte auf den rechten der vier mannshohen Kühlschränke mit Glasscheibe zu. Er öffnet den Kühlschrank, mit der linken Hand greift er hinein, holt zwei grüne Halbe-Liter-Flaschen Herrenhäuser Alster heraus. Während er sich umdreht, schiebt er die Kühlschranktür zu und geht zurück. Die Handbewegungen laufen automatisch ab – wie oft er sie schon gemacht hat, kann er gar nicht sagen.
Urlaub gibts erst im nächsten Jahr
Tanyeli setzt sich wieder vor den Fernseher. Auf der unteren Ablage des braunen Fernsehtisches steht eine kleine Uhr in Form eines schwarzen Dreiecks. Die Zeiger auf dem runden, weißen Ziffernblatt zeigen 18 Uhr. „Abends zwischen neun und zehn wird die Arbeit langsam mehr“, sagt Tanyeli. Um diese Uhrzeit schließen die Supermärkte in der Nähe. Bis dahin kommen nur vereinzelt ein paar Menschen, um Zigaretten oder Bier am Kiosk zu kaufen. Wie viel Umsatz Tanyeli am Tag macht, will er nicht verraten. Nur so viel: „Wenn das Wetter gut ist, dann verkaufe ich viele Getränke.“
Den ganzen Tag über schien die Sonne. Der schwarze, mit Kaugummis übersäte Bürgersteig vor dem Laden ist aufgeheizt. Die Menschen laufen in T-Shirts und kurzen Hosen am Schaufenster vorbei. Tanyeli steht vor der Tür, das linke Bein angewinkelt an der braunen Hauswand. Er zieht an seiner Zigarette und pustet den grauen Rauch aus. Langweilig werde ihm nicht, meint Tanyeli: „Das ist meine Arbeit. Ich gucke nicht nach der Uhr. Wenn ich länger bleibe, verdiene ich mehr.“
In dieser Nacht bleibt Tanyeli bis vier Uhr im Laden. Überwiegend junge Menschen zwischen 20 und 30 Jahren stehen vor dem Schiebefenster und kaufen Bier und Zigaretten. Einige nehmen noch ein Eis oder Toastbrot dazu. Um 3.45 Uhr füllt Tanyeli ein letztes Mal die Kühlschränke mit Bier auf, so wie jede Nacht. Um fünf vor 4 Uhr schaltet er die Kühlschränke aus. Das laute Brummen der Elektronik verstummt und es wird ungewöhnlich still im Raum. Dann schaltet er das Licht aus und der Raum wird dunkel. Das war’s für heute.
Fünf Minuten später wird er nach Hause kommen und den Schlüssel im Türschloss umdrehen. Seine kleine Tochter wird aufwachen – wie jede Nacht. Er wird sie auf den Arm nehmen und füttern. Danach geht er ins Bett. Wie lange er schlafen wird, weiß er noch nicht, in der letzten Nacht waren es drei Stunden. Nach dem Aufwachen beginnt wieder ein neuer Arbeitstag – so wie jeden Tag, werktags und feiertags. Und Urlaub? Dieses Jahr nicht mehr. „Aber nächstes Jahr fahren wir in die Türkei – dann mache ich den Kiosk ein, zwei Wochen zu.“
Durch das kleine Schiebefenster reicht Bülent Tanyeli den Kunden Getränke und Zigaretten.