Reportage

Abschied ist ein scharfes Schwert – da fließen Tränen
Von Ulrich Behmann

Zeit, goodbye zu sagen: Major Adam Foley verabschiedet sich von Ehefrau Sarah und den Töchtern Beatrice und Edie. Fotos: Behmann

Hameln. „Abschied ist ein scharfes Schwert, das oft so tief ins Herz Dir fährt“, singt Roger Whittaker. Sarah Foley (35), Ehefrau eines in Hameln stationierten britischen Soldaten, kennt diesen Schmerz nur allzu gut. Schon einmal musste sie ihrem Ehemann Adam Lebewohl sagen. Der 36-Jährige ist Offizier des 28. Pionier-Regiments an der Süntelstraße. Sein dritter Afghanistan-Einsatz steht an. Gemeinsam mit 343 Kameraden ist Major Foley in diesen Stunden unterwegs zum Hindukusch. Sechs lange Monate werden die Frauen und Männer, die gestern Hameln verlassen haben, ihre Frauen und Männer und ihre Töchter und Söhne nicht sehen können. Der Kontakt wird sich aufs Briefe schreiben und aufs Telefonieren beschränken. Handys sind aus Sicherheitsgründen allerdings tabu, und die Gespräche übers Army-Net auf 30 Minuten pro Woche beschränkt. Es wird eine harte Zeit werden. Sarah Foley hat sich vorgenommen, diesmal nicht so viel zu grübeln und nicht vor lauter Angst um ihren Liebsten kaputt zu gehen. Sie hat kleine Kinder zu versorgen: Beatrice (3) und Edie (4). Und doch weiß die Waliserin, dass sie sich Sorgen machen wird um ihren Mann. „Ich versuche nicht darüber nachzudenken, denn ich bin hier in Hameln, kann nichts beeinflussen und an der Situation nichts ändern“, sagt Sarah Foley.

Die Nachrichten aus Afghanistan verheißen nichts Gutes. Feige Terror-Anschläge und blutige Kämpfe – das ist die grausame Realität. Erst am Donnerstag ist ein britischer Soldat in der Provinz Helmand getötet worden. In dieses Unruhe-Gebiet werden auch die britischen Soldaten aus Hameln geschickt. Sie sollen im „Camp Bastion“, norwestlich von Lashkar Gah, und in „Forward Operation Bases“ (Stationen in Frontnähe) eingesetzt werden. Die Pioniere aus Hameln müssen Kampftruppen unterstützen, indem sie Hindernisse wegsprengen, Minen räumen und Brücken bauen. Das ist ihre Aufgabe. Bis gestern sind 212 britische Soldaten und zivile Armeeangestellte in Afghanistan ums Leben gekommen. „Die Mission ist gefährlicher geworden. Auf britischer Seite gibt es immer mehr Opfer“, sagt Sarah Foley. Ehemann Adam Foley korrigiert die Aussage seiner Frau: „Die Mission ist dieselbe, das Risiko ist höher geworden.“

„Du willst stark sein und hast doch nur Tränen“

Einige Soldaten werden in und an den Front-Stationen arbeiten. Wieder andere haben den Befehl, Aufbauarbeit für die Zivilbevölkerung zu leisten. Das bedeutet: Schulen und Krankenhäuser reparieren und bauen, Wasser aufbereiten und für Elektrizität sorgen. Kein minder gefährlicher Job. Denn die Gefahr lauert an jeder Straßenecke. Nahezu täglich reißen in Afghanistan Selbstmord-Attentäter Menschen mit in den Tod.

„Du willst so stark sein und hast doch nur Tränen“, singt Roger Whittaker. Auch Sarah Foley fühlt so. „Wir werden Dich sehr vermissen“, sagt sie, als sie ihm einen Abschiedskuss gibt. Es tut so weh, goodbye zu sagen. Sarah Foley will sich bis zum Frühjahr ablenken. Sie hat sich vorgenommen, Nachbarn und Freunde zu besuchen. „Das macht Sinn, denn dann bist du unter Gleichgesinnten. Wir sitzen ja alle im selben Boot.“ Außenstehende könnten nicht nachvollziehen, was die Ehefrau eines Soldaten während einer so langen Trennungszeit durchmacht, meint die 35-Jährige. Sarah Foley hat feuchte Augen, kämpft mit den Tränen. Dann versagt ihre Stimme. „Die Angst um ihn“, sagt sie leise, „die bleibt“. In den kommenden sechs Monaten wird sie ein ständiger Begleiter sein. Mal mehr und mal weniger.

Weihnachten ohne Daddy – das wird schwer für die Kleinen. Und sicher schwer für Vater Adam Foley. Töchterchen Edie versteht noch nicht den Ernst der Lage. „Auch wenn Daddy in Afghanistan ist, bekommt er ein Geschenk vom Weihnachtsmann. Wir schreiben einfach einen Brief an Father Christmas und bitten ihn darum.“ Ihre ein Jahr jüngere Schwester Beatrice ist derweil auf Mamas Arm eingeschlafen.

„Kannst Dich so schwer ans Alleinsein gewöhnen“

In der Turnhalle der Kaserne stehen Frauen und Männer vor Tischen Schlange. Sie tragen senffarbene Wüstenuniformen. An ihren Flecktarn-Hemden befindet sich ein Ärmelaufnäher. ISAF (International Security Assistance Force = Internationale Sicherheitsunterstützungstruppe) steht drauf. Papierkram wird erledigt. Andere Soldaten sitzen auf Bänken und hören zu, was ihr Vorgesetzter ihnen sagt. Es sind Verhaltenstipps für den Ernstfall. Unter den Männern ist auch der Kommandeur der Einheit. Oberstleutnant Matthew Bazeley (41) wird mit seinen Männern nach Afghanistan fliegen. Hat er Angst? „Nein“, sagt der ranghöchste Offizier und gibt sich ganz entspannt. „Angst ist ein schlechter Begleiter. Wir müssen auf uns aufpassen. Das ja. Aber Angst vor dem Risiko haben wir nicht.“ Die Soldaten hätten trainiert, seien bereit für die Operation, die den Codenamen „Herrick“ trägt. „Wir wissen: Die Taliban sind da draußen. Es wird hart“, sagt der Oberstleutnant, „aber wir sind vorbereitet“.

Worte, die Sarah Foley nicht trösten können. „Allein zu Hause – und das für so lange Zeit, das bedeutet: Einsamkeit, Langeweile und Grübelei“, sagt die Frau des Offiziers. „Da kann man sehr leicht depressiv werden.“

„Abschied ist ein scharfes Schwert, das oft so tief ins Herz Dir fährt. Du willst so stark sein und hast doch nur Tränen. Kannst Dich so schwer ans Alleinsein gewöhnen“, singt Roger Whittaker. Sarah Foley versteht nur allzu gut, was der Sänger meint.

Artikel vom 04.09.2009 - 19.00 Uhr
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