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160 Meter Eibenhecke für die Medizin

Hemeringen (ah). Niedersachsens größte Zulieferer für Krebsmedikamente, die aus den Nadeln einjähriger Eibentriebe gewonnenes Baccatin enthalten, wohnen in Hemeringen. Dort spenden Christa und Erich Gutsmann seit knapp zehn Jahren Eibenschnitt für die Herstellung von Medikamenten zur Behandlung krebskranker Patienten.
 1976 bezogen Christa und Erich Gutsmann ihr Eigenheim in Hemeringen, das damals ein Jägerzaun umrahmte. Von einem Gärtner ließen sie sich Jahre später sagen, dass als grüne Grundstücksbegrenzung eine Eibenhecke ideal sei: Die Eibe bleibe ganzjährig grün, wachse langsam, dafür sehr dicht, sei ein idealer Staub- und Schallschutz und gut zu schneiden. „Das können wir heute nur bestätigen“, erklärt das Ehepaar, das vor zehn Jahren seinen Jägerzaun durch eine Eibenhecke ersetzt hat.
 Seit zwei Tagen sind Christa und Erich Gutsmann „richtig am Knüppeln“: Das alljährliche Hecke-Schneiden steht auf der Tagesordnung, bei 160 Metern Hecke dauert das seine Zeit. Während Erich Gutsmann die Gartenumrandung wieder in Form bringt, fegt seine Frau den Eiben-Schnitt zusammen. Immer wieder sortiert sie Mulch, Gras, Unkraut aus, erledigt diese Arbeit konzentriert und sorgfältig. Kübel um Kübel füllt sie mit dem Grünabfall, der am Ende in vier riesigen Säcken verstaut wird. In Kürze wird der Bulli einer Bielefelder Gärtnerei vorfahren, deren Inhaber Thomas Reichelt seit 1996 eine Eibenschnitt-Abfuhr organisiert. Kostenlos holt er ihn vor der Haustüre ab, leitet Tonnen an Eibentrieben an die pharmazeutische Industrie weiter.
 In der Pharmazie herrscht ein großer Bedarf an dem Wirkstoff Baccatin aus den Nadeln der einjährigen Triebe der in Europa beheimateten Gemeinen Eibe (Taxus baccata), der Ausgangsprodukt für verschiedene Krebsmedikamente ist. Entdeckt hat den Wirkstoff der französische Wissenschaftler Dr. Pierre Potier als chemische Vorstufe von Paclitaxel, das zuvor aus der Rinde der pazifischen Eibe gewonnen worden war. Aus den getrockneten Eibentrieben wird in verschiedenen Schritten 10-Deacetyl-Baccatin III isoliert und daraus ein Medikament hergestellt, das bei Brust-, Blasen- und Eierstockkrebs, bei einer bestimmten Form des Lungenkrebses und einigen Hautkrebsarten erfolgreich eingesetzt wird. Das zur Gruppe der Taxane gehörende, aus Baccatin synthetisierte Docetaxel hemmt das Zellwachstum beziehungsweise die Zellteilung und damit das Wachsen des Tumors. Das Problem mit diesem 1995 zugelassenen Präparat: Allein für einen einzigen Behandlungszyklus werden mehrere Tonnen Eibenschnitt benötigt – und da kommt die Bielefelder Gärtnerei mit ins Spiel. Mehr dazu lesen in unserem Printmedium.

Artikel vom 08.09.2010 - 15.28 Uhr
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