Bad Pyrmont
Schräge Show zum Einstand in der KurstadtVon Sabine Brakhan
Alfredo Pauly (re.) ist das Zugpferd, mit dessen Mode Thomas Bäkmann (Mi.) in der Hauptallee Umsatz machen will. Fotos: sbr, kim
Bad Pyrmont. Wirtschaftskrise hin, Armutsdebatte her – die Kurstadt ist noch immer ein ganz besonderes Pflaster. Sie lockt Paradiesvögel an, die im Handumdrehen einen Leerstand in eine Luxusboutique verwandeln und auf finanzstarke Kundschaft bauen.
Der rote Teppich war ausgerollt, der rote Ferrari parkte direkt vor dem Laden zwischen den Alleebäumen, die eigens etikettierte „Pyrmonter Sommerfrische“ perlte in den langstieligen Gläsern der Gäste. Und edle Roben aus Pelz, Leder und Stoff, Pailletten sowie Edelsteine schimmerten und funkelten in der Spätsommersonne. Letztere zierten übrigens nicht nur manchen Zweibeiner, sondern auch die Mäntelchen von Yorkshire-Hündin Sissi. Denn deren Gewand orientierte sich jeweils an der mehrfach wechselnden Garderobe von Frauchen Ilsetraud Walther (68).
Eine schrille Fernsehinszenierung, mochte mancher Passant angesichts der Kameratechnik und der überschwänglichen Begrüßungsgesten meinen und blieb staunend stehen, ohne sich dem skurrilen Treiben zu nähern. „Da gehören wir nicht hin“, befand ein Passant und zog am Arm seiner Frau. Dass mit der opulenten Inszenierung lediglich ein Modegeschäft eröffnet wurde, mag ihnen entgangen sein.
„Ilse meine Liebe, du siehst überwältigend aus!“ Küsschen hier, Küsschen dort, ein Leckerli für Hundchen Sissi und weiter geht’s beim Begrüßungsmarathon. Alfredo Pauly, der von Tierschützern gehasste Paradiesvogel unter den deutschen Modedesignern, hält Hof in Bad Pyrmont. Das Imperium des Pelzkönigs aus Bad Neuenahr wächst: Neben seinem Hauptgeschäftssitz und einem Shop in Luxemburg hat der vor allem den Privat-TV- und Klatschpresse-Konsumenten bekannte Modedesigner gemeinsam mit Helmut und Thomas Bäkmann eine Niederlassung in der Pyrmonter Hauptallee eröffnet. Zum Einstand bot er in der „Alfredo Lifestyle Boutique“ auch eine gewisse Promipräsenz auf. „Da drüben stehen ,Monrose’“. Nadine Hinz ist die Aufregung förmlich anzumerken, als der Teenie die Popsternchen entdeckt, die gerade dem roten Teppich entgegenstöckeln. Die ältere Dame neben Nadine kann mit den Namen Mandy Capristo, Senna Guemmour und Bahar Kizil nichts anfangen. Auch der Hinweis auf die Castingshow „Popstars“, aus der die deutsche Girlgroup Ende 2006 hervorging, half ihr nicht weiter. Dafür erkannte sie Schlagersänger Tommy Fischer.
Kreischalarm hingegen hätte Jeremy Williams von der deutschen Boygroup „Part six“ ausgelöst, wenn die Zaungäste im Schnitt 50, 60 Jahre jünger gewesen wären. So hielten die meisten ihn für ein wohlgeformtes Model. Auch Sopranistin Anna Azerli und Sängerin und Moderatorin Barbara Schiller kannten offenbar nur die Gastgeber. Ihre Autogrammkarten blieben auf den Stehtischen liegen.
Keine Frage: Alfredo Pauly, der eigentlich den Doppelvornamen Alfred Paul trägt, hat im „Außenminister“ der Boutique, Thomas Bäkmann, eine treffliches Pendant gefunden. „Ein glamouröser Typ, der meine Mode wunderbar repräsentieren kann“, schwärmt Pauly vom schillernden Part seines Geschäftspartner-Duos. Inhaber des Luxusladens ist jedoch der unauffälliger wirkende Ehemann des Immobilienmaklers und Wahl-Pyrmonters, Helmut Bäkmann.
Einen neuen Kundenkreis erschließen möchte Pauly nun mit seinem dritten Standort. „Zwar kann ich hier nicht ständig präsent sein“, sagt der Designer. „Aber wir planen regelmäßige Schauen, bei denen ich meine Mode präsentieren werde.“
Auch, wenn sich im kommenden Jahr „bezahlbare florale Damenmode für den gehobenen Anspruch“ ins Sortiment gesellen soll – Thomas Bäkmann will „jede Frau und jeden Mann zu einer Legende machen“. Und bei „Mutti“ nahm diese Mammutaufgabe mit einer schwarzen Pelzstola ihren Anfang. Dass die im Eifer der großen Gesten irgendwann zu Boden glitt, bekümmerte das Publikum wenig – denn gerade zog Ilsetraud Walther die Blicke beim Tänzchen mit Schlagersänger Fischer in der Hauptallee auf sich.
Bis zu 90 000 Euro kosten Paulys Kreationen, und die Drei von der Boutique sind sicher, die sündhaft teure Mode auch in der Kurstadt an die Kunden zu bringen.
„Ich könnte mir einen Pelzmantel leisten, aber möchte ich das auch?“, meinte allerdings Senna Guemmour von „Monrose“.
Passanten verirrten sich indes nur vereinzelt ans Häppchen-Büfett oder nippten am Prosecco. Sie verfolgten die opulente Inszenierung lieber aus sicherer Distanz – was zur Eröffnung durchaus im Sinne der Gastgeber war.