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Krystian Zimerman: Dieser Pianist beherrscht alle Zwischentöne

Von Karla Langehein

Hannover. Zwei Werke in freundlichem Fis-Dur rahmten das Programm, dessen Kern von den Molltonarten der beiden großen Sonaten und des Scherzos op. 31,2 dominiert wurde. Ein Programmzuschnitt, mit dem Krystian Zimerman schon im Ansatz das verbreitet einseitige Chopin-Bild verwischte und seine Sonderstellung unter den Pianisten unserer Zeit unterstrich. Weit entfernt vom Glamour jener gefeierten austauschbaren Tastenlöwen, die sich merkwürdig ähneln, ist Zimerman auf Tasten und Pedal zwar nicht immer so unfehlbar wie sie, aber unverwechselbar und eine Interpretenpersönlichkeit von seltener Größe. Sein Blick führt hinter die Noten in das Innere eines Werkes und zu dessen vielseitigen und vieldeutigen Facetten, mit deren Mixtur aus Eleganz und Schmerzlichkeit Chopin zeitweilig an Schubert erinnert. Da wirkt unter den Händen des polnischen Pianisten das vermeintlich unbeschwerte Fis-Dur des Nocturnes plötzlich brüchig, und in Abschnitten der Barcarolle grummelt in der linken Hand die Grundierung, als befände sich das Boot auf hoher See.
 Bei Zimerman ist die Ruhe immer eine Ruhe vor dem Sturm und der Schmerz dem Trost nah. In diesem Sinn verliert im Trauermarsch die Melodie des Mittelteils jeden Anschein von Trivialität und wird in köstlichem Pianissimo zur tröstenden Reminiszenz. Und während Zimerman die h-moll-Sonate ohne Pathos eher beiläufig beginnt, verwirft er in ihrem Finale das der Tempoangabe „Presto“ beruhigend beigefügte „non tanto“ und stürmt in verwegenem Tempo durch den Satz.
 Vom heißen Herzen bis hin zum kühlen Kopf beherrscht Krystian Zimerman alle Zwischentöne. So war es sicher auch kein Zufall, dass die chronologische Abfolge des Programms einschließlich des zugegebenen Walzers cis-moll den Zeitraum von 1830 bis 1846 umriss. Eckdaten, die den Beginn und das absehbare Ende von Chopins Beziehung zu George Sand markieren. Ein eindringliches Konzerterlebnis!

Artikel vom 08.03.2010 - 17.06 Uhr
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